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| Norbert Gramer • kunst für natur l'art pour nature art for nature | ||||||
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Please note: this page is currently available only in German. Norbert
Gramer: Zeit im Grünen oder "In einem Hain,
der einer Wildnis glich". Collagierte Reflexion
einer Reise. ANKUNFT Obwohl der Flug den halben Erdkreis umspannt hatte, empfand Georg die Reise als sehr kurz: Frankfurt - Los Angeles. Zwischenlandung. Am nächsten Tag eine Übernachtung im berühmten Honolulu. Weiter mit einer kleinen Propellermaschine der Hawaiian Air, die ihn zunächst auf eine der jüngeren, feucht-warmen Inseln entführte. Nur wenige Touristen hatten ihn bis auf Big Island begleitet, die meisten deutschen Touristen lagen in der trockenen Sonne der Pazifikküste Amerikas oder wendeten ihre weißen, sonnenentwöhnten Dörrkörper am renomierträchtigen Waikiki-Strand, schlürften gelangweilt ihre Drinks und genossen die Vorstellung, in der Heimat Exotisches erzählen zu können. Im Herzen Hochsommer-Mallorcaner und Reminiisten belauerten sie Fremdes. Ihre Gespräche kreisten um Bekanntes, um Lieblingsmannschaften und Essen. Doch sie fieberten nach Erzählenswertem, das ihnen Bewunderung und Neidstaunen einbringen und sie als Kenner einer anderen Welt ausweisen würde, das sich die armseligen Einwegtouristen an die braungebrannte Brust heften könnten, um es als Individualitätsetikett, als ertäuschte Unterschiedlichkeit zu nutzen. Sie werde nur zwei Tage auf der Insel bleiben, hatte eine Frau mittleren Alters, deren glattes, make-up-eingefärbtes Gesicht angeklebt schien, in dem winzigen, von Turbulenzen geschüttelten Flugzeug mit angstvoll vorgestrecktem Kopf Georg zugeflüstert. Es gäbe auf ihr noch einen tätigen Vulkan, seltene Pflanzen und Tiere, noch richtigen Urwald und unberührte Strände. Die meiste Zeit werde sie aber im Hotel, am Pool oder in dem großen, geräumigen Hotelzimmer, verbringen, vielleicht einen Hubschrauberrundflug über die Insel oder eine Busfahrt entlang der Küste unternehmen. Neues könne sie kaum erfahren, sie kenne die Reiseführer und -videos genau. Tatsächlich auf der Insel gewesen zu sein, gäbe ihr aber die Möglichkeit, zu Hause von ihrer Reise zu erzählen. Und nichts bereite ihr so großes Vergnügen - und bei diesen Worten belebten sich ihre faltig-verkniffenen Augen, und die künstliche Trennlinie zwischen Gesicht und Kopf schien aufplatzen zu wollen - als in die gierig-neidigen Ohren ihrer Freunde und Bekannten, ihrer Arbeitskollegen und Verwandten die nicht erlebten Erlebnisse dieser Reise einzuträufeln [...] Langsam näherte sich Georg der Anhöhe. Zu beiden Seiten der Straße türmte sich Lawagestein auf. Spärlicher Flechtenbewuchs färbte es grün. Als Georg den Gipfel erreichte, wuchs ihm eine schier unüberblickbare Vielheit tropischen Dschungelgrüns entgegen und umwölbte ihn in tausendfachen Nuancen. Vor seinen Augen breiteten sich Gewächse ineinandergeschobener grünschimmernder Baum-, Busch-, Gras- und Farnteppiche aus, hügelig aufgefaltet wellten sie sich bis zum neblig verschwommenen Horizont, wo sich das filigrane Muster blaßgrüner Baumkronen mit der hellen Bläue des Himmels mischte. An wenigen Stellen nur durchschnitt das Weiß alter, im Feuer vergangener Vulkanausbrüche skelettierter Ohiabäume das grüne Allerlei. Sekundenbruchteile nur, auf dem höchsten Punkt der Anhöhe, verbanden sich in seinen Augen das Luftgewölbe und die grüntriefende Erde, um dann wieder unvereinbar getrennt gegeneinander zu stehen. Im Grunde sind es immer nur kurze Gedankenblitze, in denen die Anschauung eine Vereinbarkeit - oder zumindest die Möglichkeit einer Vereinbarkeit der Widersprüche vorgaukelt, dachte Georg. Erhellte dieser Blitz unsere Vorstellung der Welt dauernd taghell, erstrahlte darin nur die Lüge der Gesellschaft und das Wechselspiel von Betrug und Selbstbetrug des Geistes, der Vernunft und der Gefühle. Widersprüche werden erträglich in der erzwungenen Illusion immerwährender greller Wirklichkeit aus aneinandergereihten wirkungslosen Realitätsbildern, die dem darin existierenden Betrachter wie lose verknüpfte, doch gleichsam notwendige Reality-Shows erscheinen [...]
[...] Georg betrat einen großen,
sich bis zur hinteren Ausgangstüre erstreckenden Raum. Neben
der Türe, deren jalousieverhangenes Fenster einen diffusen
Blick auf die blassen, das zitternde Grün zerschneidenden Umrisse
des brüchig weißen Terassengeländers zuließen,
füllte ein Fenster fast den ganzen Wandraum zwischen Ausgang
und der den angrenzenden Raum zur Linken abtrennenden Wand aus.
Auch das Fenster war mit Jalousien versehen, die aber im Gegensatz
zu denen des Türfensters fast geschlossen waren. An der Wand zur Rechten lehnte
ein alter Sekretär und versperrte Georg zunächst den Blick
auf einen dunkel verhüllten Treppenaufgang zum ersten Stock.
Auf der heruntergeklappten Arbeitsplatte des Sekretärs lagen
geöffnete sowie noch verschlossene Umschläge, Briefe,
von denen manche aufgefaltet die Anliegen der fernen Schreiber freigaben.
Marken und Poststempel verrieten ihre entrückte Heimat, andere
verbargen schüchtern ihre mit einer fremden Hand geschriebenen
Wörter und Sätze, gedanklichen Zusammenhänge, Worte
der Liebe, der Sehnsucht vielleicht, der Bitte um Rückkehr,
des Hasses und des Aufgebens, schützten sich mit ihren scharf
gefalteten Kanten vor dem unberechtigten Leser, wieder andere mit
gedruckten oder maschinengeschriebenen Adressen und angegilbten
Rändern, offizielle Schreiben von offiziellen Stellen, quollen
dem Leser aufdringlich aus Seitenfächern entgegen, einige davon
dennoch offensichtlich ungeöffnet, ungelesen. Das auf und in
dem dunklen Möbelstück angeordnete Sammelsurium aus Briefen,
Schlüsseln, abgerissenen Papierzetteln, Bleistiften und Füllfederhaltern,
einem kleinen Mörser, angebrochenen Aquarellfarben, staubigen
Pinseln, einem metallenen zigarettenrauchenden Affen, der eher einem
mutierten gestiefelten Kater glich, sowie die zahllosen Kleinodien,
welche die Fächer und die teilweise offenstehenden Schublädchen
füllten, aus denen die kleine Christoph‘sche Erinnerungswelt
lugte, wirkten wie ein unberührtes, aber auch unantastbares
Stilleben, als ob Christoph seine frühere, abgelegte Welt in
diesem alten, mit feinen Intarsien geschmückten Schrank verlegt
hätte [...] Christophs Bibliothek, stellte
Georg fest, gehörte einer selteneren Kategorie an. Dem ersten
Blick bot sich nur ein Durcheinander beschriebenen Materials, gebundenen
Papiers und Zettelkrams. Genaueres Hinsehen führte dann nicht
zu einer wie auch immer gedachten Ordnung, sondern zu der Einsicht,
die allesamt häufig benutzten Werke stünden in einer engen
Beziehung zueinander.
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